WALLIS BIRD
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Universal Music / Caroline – VÖ 30.09.2016
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Zuletzt aktualisiert am: 07. Oktober 2016

Es folgt ein Lobgesang auf eine der tollsten Künstlerinnen unserer Zeit.

Schon fast zehn Jahre ist es her, seit WALLIS BIRD ihr Debüt „Spoons“ veröffentlichte. Glücklich ist jener, welcher diesen Meilenstein als solchen erkannte. Die kleine, wuselige Sängerin war schon damals mit einer irrsinnig warmen, voluminösen Stimme gesegnet, die ihrem akustischen Folk-Rock eine enorme Power verlieh. Seitdem gab es für WALLIS keinen Stillstand mehr.

Auch beim Nachfolger „New Boots“ waren ihr quirliger Spirit und ihre Lebenserfahrung wie ein Destillat in Songform gegossen. Frech, tragisch, optimistisch, niedlich – WALLIS beherrscht es, alle Facetten ihrer Persönlichkeit in Musik zu verwandeln, ohne dass es jemals erzwungen wirkt. Ihrer neuen Wahlheimat widmete Sie mit dem Song „Berlin“ eine kleine Ode.

Während viele Künstler spätestens beim dritten Album die Düse geht und ein gewisser Leistungsdruck entsteht, haut die Irin das selbstbetitelte „Wallis Bird“ heraus, das noch ehrlicher und direkter auftritt als seine beiden Vorgänger. Der Sound ist klar, fast nackt. Ihre Stimme reif, stark und verletzlich. Inzwischen webt sie auch hin und wieder leichte elektronische Einflüsse in ihre Tracks ein.

Auf der Scheibe „Architect“ baute WALLIS dies weiter aus, sodass manche Tracks etwas synthetisch wirken. Der Sound ist nicht mehr so rau und bodenständig, aber es ist eine glaubwürdige Weiterentwicklung ihres Stils, ein Experiment. Dennoch sind auch hier junge Klassiker wie „Daze“ oder „River of Paper“ zu finden, die den Hörer in ihrem typischen Stil verführen.

Nummer fünf, genannt „Home“, setzt diese Reihe genialer Alben fort. Auf dem Cover des neuen Albums ist WALLIS selbst zu sehen, wie sie jemanden innig umarmt. So fühlt sich die Platte auch an: Wie ein Wiedersehen nach langer Zeit. Ein Wiedersehen mit jemandem, der einen bedingungslos versteht und auffängt, nachdem man so lange im freien Fall war.

„Change“ startet schwermütig mit einem Funken Hoffnung unter der Oberfläche, so wie der Wandel: Mal beherrscht man ihn selbst, mal erdrückt er einen und alles geht zu schnell. Dieses Gefühl fängt der Song ein. Auch bei „Oh Dreams Oh Memories“ oder „Control“ wird wieder deutlich, dass WALLIS keine möchtegernpoetischen Nonsens-Texte schreibt. Sie schreibt sich die Seele vom Leib und darum fühlen sich ihre Songs auch so intensiv an. Egal, wie dick und hart die Schale ist, WALLIS dringt hindurch zum weichen Kern, versorgt ihn mit Wärme und Liebe.

Im finsteren „Pass the Darkness“ ist eine Steel Drum das tragende Element. Zwar kommt das Instrument sonst eher bei fröhlichen, unbeschwerten Liedern zum Einsatz, doch die wellenartig-düstere Melodie, die WALLIS in das getragene Arrangement eingearbeitet hat, wirkt hier nicht deplatziert.

Endlich hat WALLIS mit dem Titelstück „Home“ auch eine ihrer A-Cappella-Eskapaden auf Platte eingefangen, die sie sonst sehr gern live vorträgt. Oft herrscht dabei Totenstille im Saal, vermutlich, weil sich alle Gäste bemühen, sich das Heulen zu verkneifen. In diesem Lied fängt sie diesen sonst so flüchtigen Moment ein.

Die elektronischen Stilmittel scheinen sich auf „Home“ eingependelt zu haben. Während diese auf „Archtitect“ noch zu dominant waren, ist die Balance diesmal besser gelungen. Leider ist „Home“ aber nach 36 Minuten wieder viel zu schnell vorbei. Dennoch freut man sich stets auf das Wiedersehen – oder besser: Wiederhören mit der Platte.

pd
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