PATRICK BAHNERS
Entenhausen - die ganze Wahrheit

Verlag C.H.Beck München – VÖ: 17.01.2014
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Zuletzt aktualisiert am: 14. April 2014

Immer noch wird in Deutschland die Kunst des Comicmachens belächelt und das Drumherum nicht ganz ernst genommen. In den benachbarten französischsprachigen Ländern sind die Bilderwelten schon lange in den Hallen der bewunderten Kunst angekommen, haben kommerzielle Macht und belegen dieses bei Zeitschriften und Büchern mit beeindruckenden Verkaufszahlen. Das Comicmagazin „Spirou“ wird 75 Jahre alt und kann sich in all den Jahren nicht über mangelnden Erfolg beklagen. Bei uns in Deutschland sind die Verkaufszahlen von „Zack“ nicht gerade berauschend und das Fachmagazin „Alfonz – Der Comicreporter“ muss, durch eine schnelle Umfrage unter lesehungrigen Nachbarn und Freunden verstärkt, als nicht bekannt gelten.

Wer trotzdem gerne „bunte Bilder mit komischen Sprechblasen“ (Bezeichnung meiner Mutter, wenn sie mich mal wieder beim Schmökern einiger Comics unter der Bettdecke erwischt hat) liest, der greift halt zum „Mosaik“, zu allerlei Spuk- und Horrorgeschichten, zum neuen „Yps“, zu „Zack“, zu verschiedenen, nicht immer niveauvollen, Mangas und auf alle Fälle zur „Micky Maus“, die trotz beigefügtem „Plastemüll“, leider immer flacher und humorloser wird. Gibt es in der Nähe allerdings einen Comicladen, wird alles gut.

Und überall wo Lesestoff liegt, hat der Ehapa-Verlag jede Menge dicke, ganz dicke und XXL dicke „Lustige Taschenbücher“ aufgeschüttet. Mittlerweile gibt es das mit einem goldenen Umschlag verzierte 450. LTB, viele Sonderbände, das nur dem lustigen Erpel vorbehaltene „Donald Duck“ und die Carl Barks Entenhausen Edition. Wer Glück hat, dem wird eine wissenschaftliche Abhandlung über den Alltag in Entenhausen auffallen, die der FAZ-Mitarbeiter und Donaldianer Patrick Bahners verfasste: „Die ganze Wahrheit“ auf über 206 Seiten. Bahners, der von 2001 bis 2011 als Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Zeitung fungierte und in dieser Zeit auch die Liebe der Zeitung zum Comic forcierte, ist seit 2012 Kulturkorrespondent in New York. 2011 schrieb er die Streitschrift „Die Panikmacher“, mit der er die deutsche Angst vor dem Islam anprangerte und sich gegen Islamkritiker wandte.

Seit seiner Kindheit beschäftigt er sich mit der fiktiven Familie Duck und erforscht unter anderem deren familiäre, biologische bis gruppendynamische Prozesse. Außerdem ist er Ehrenpräsident der Deutschen Organisation nichtkommerzieller Anhänger des lauteren Donaldismus (D.O.N.A.L.D.). Wer der Sache um Donald Duck, der übrigens am 9. Juni seinen 80. Schlüpftag begeht, auf den Grund geht, der kommt an Carl Barks und Erika Fuchs nicht vorbei. Der 1901 geborene Barks arbeitete sehr früh mit Walt Disney zusammen, schuf viele wundervolle Comics, schenkte u.a. Dagobert Duck, Daniel Düsentrieb und den Panzerknackern das Leben. Er war es auch, der Entenhausen mit all seinen wirren Gesetzen, Einwohnern und Lebensumständen aus der Erde stampfte und bis zu seinem Tode, im Jahr 2000, nicht preisgab, wo sich das Städtchen hier auf dem Planeten nun befindet. Erika Johanna Theodolinde Fuchs wiederum, die Kunstgeschichte, Archäologie und mittelalterliche Geschichte studierte, fungierte ab 1951 als erste Chefredakteurin der „Micky Maus“ und machte sich mit den Übersetzungen der Disney-Geschichten unsterblich. So wählte sie bei den Sprechblasen immer die Nähe zur deutschen Klassik und verwendete für bildlich schwer Darstellbares durchgehend auf den Wortstamm verkürzte Verben (schluck, stöhn, knarr, klimper, grübel, zitter), die sogar in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen sind. Ihre Entenhausener Geistesblitze und Mutterwitze füllen mittlerweile Bücher und sind immer wieder Gegenstand ernster Forschungen, wobei unbedingt geschrieben werden muss, dass der Donaldismus eine deutsche Erfindung ist und nur noch in Dänemark und Schweden Mitstreiter und Forscher gefunden hat.

Im Buch von Patrick Bahners werden nun viele Fragen, die sicherlich auch durch die Köpfe der Fans beim Lesen der Duck-Geschichten geistern, aufgegriffen und meisterlich beantwortet. Manchmal grübelt man aber auch, ob der geniale Hauptzeichner Barks wirklich alles so gemeint hat, wie es von den Duck-Forschern in die Geschichten hinein interpretiert wird. Die Antwort von ihm auf eine Frage, die Bahners während einer Pressekonferenz stellte, warum nur die weiblichen Ducks Schuhe tragen, beantwortete der damals Dreiundneunzigjährige ohne zu zögern: „Die Enten ohne Schuhe sind die Jungs, die Enten mit Schuhen sind die Mädchen“. Tja, damit ist alles gesagt und trotzdem nur tautologisch geäußert.

Der Journalist Bahners muss unwahrscheinlich viele LTB, Zeitungen und Magazine gelesen haben, denn er erläutert genau die Siedlungsgeschichte und konzentriert sich auf die Gründer des Duckschen Stammbaums. Wer weiß schon, dass es drei Linien gibt und Donald Duck der schottischen Linie angehört, die als Urväter Sir Dämelak Duck und Sir Daunenstern Duck nennt. Bootsmann Bottervogel hat dann nach genauen Forschungen die eher miesere Linie begründet, zu der irgendwie Gustav Gans, Dussel Duck und der miese Verbrecher Wastel Duck zugerechnet werden müssen. Eher unbekannt ist die Erpel-Linie mit Emil Erasmus Erpel als Begründer und Franz Gans, Wilhelmine Erpel und Willibald Wasserhuhn als heutige Stammhalter. Tief steigt der Autor in das gesellschaftliche Leben der Entenhausener Bevölkerung hinab und stellt dabei fest, dass mittlerweile alles sehr professionell ist, „der Beruf die Identität des Menschen (?) bestimmt“, wobei sich dieser regelmäßig aus dem Namen erschließen lässt. Genannt sollen dabei sein: der Tenor Säuselfein, der Chemiker Professor Knall, Richter Gnädig, der an der Resozialisierung festhält und mit unverbesserlichem Optimismus die Panzerknacker immer wieder zur Besserung verurteilt. Dann wären da noch General Haudegen, der seinen Namen an von der Leyen abtreten könnte, und Max Mörtel, der Baulöwe. Sehr genau wird außerdem geklärt, ob es in Entenhausen überhaupt demokratische Kräfte gibt, zu welchen Göttern die Ducks beten und wieso eine Minderheit existiert. Und wer so gewissenhaft wie der 1967 geborene und 1972 das erste Micky Maus Heft in den Händen haltende Bahners die Barks & Co Werke durchstöbert, erkennt natürlich das Machwerk „Mein Kampf“ auf der Entenhausener Müllhalde, dass Tick, Trick und Track Zigarettenbilder sammeln, obwohl keiner der Ducks raucht, und das alles mit Napoleon begonnen hat.

Wer dieses, sehr wissenschaftlich gehaltene und manchmal recht trockene, Buch studiert und nicht nur liest, der trifft außerdem auf genaueste Beschreibungen von Politikern, an denen sich die deutschen „Schwätzer“ ein Beispiel nehmen sollten. Patrick Bahners hat nämlich die Politik als Scharade erkannt. Da klettert zum Beispiel ein Politiker den Fahnenmast hoch und wird gewählt. Das Volk erkennt an diesem Mann, dass er das Zeug hat an höchster Stelle zu sitzen. Nun sagt lieber Leser: Wer von unseren Ministern würde einen Stuhl in den Amtsstuben von Entenhausen besetzen können?

Leider kann auch dieses Buch nicht klären, wo das lustige Städtchen liegt, obwohl sogar eine Kriegsflotte Erwähnung findet, Kalifornien in der Nähe auftaucht, man ängstlich auf das Fichtelgebirge schaut und sogar auf einer Karte von Dagobert Duck die Stadt an der Gumpe in der Nähe des Atlantischen Ozeans einen Eintrag hat.

Klären sollte man unbedingt mal die Verbindung von den Ducks zu Micky Maus, zumal Donald Duck in der ersten deutschen, noch monatlich erscheinenden, „Micky Maus“ gerade dieses Säugetier als besten Freund bezeichnet und immer mal wieder mit ihm zusammentrifft, wie im Film „Drei Musketiere“ und in verschiedenen Weihnachtsstreifen.

ThoBe
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