DIEDRICH DIEDERICHSEN
Über Pop-Musik

Kiepenheuer & Witsch – VÖ: 08.03.2014
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Zuletzt aktualisiert am: 15. Juli 2015

Nicht nur der 500 Seiten Stärke wegen ist dieses Buch wahrlich ein „Opus Magnum“ (verlagseigene Werbung). Diederich Diederichsen (Jahrgang 1957) ist ein Phänomen, eine Ausnahmeerscheinung in der deutschsprachigen Musik-Kritik, ein Monolith. Und das ist ausschließlich positiv gemeint.

Inzwischen bei der Bildenden Kunst angekommen (eine Entwicklung, die bei ihm schon in den 1980er Jahren zu beobachten ist) und eine Professur in Wien innehaltend, begann DD (wie Diederichsen gerne auch genannt wird) Ende der 1970er als Schreiber bei dem Hamburger Magazin Sounds, das nicht mehr existiert. Punk, Avantgarde und New Wave, was heute Post-Punk genannt wird, waren seine Themen. Er veränderte bzw. beeinflusste das Schreiben über Pop-Musik, was sicher nicht seine Intension war, er führte den Diskurs in die Pop-Kritik ein und vertrat einen äußerst fanbezogenen Standpunkt (zumindest der frühe DD). Später bei der Spex, als sich Stil, Mode und Aussehen bereits als eigenständige Formen innerhalb der Pop-Kultur emanzipiert hatten, stieg er zum „Pop-Papst“ auf (eine Bezeichnung, die er bestimmt nicht mag). In den 1990er Jahren erhielt seine Schreibe eine Akademisierung, die mit der Politisierung des Magazins einherging und der manch einfacher Musik-Fan nicht folgen konnte.

Darum sollte man gewappnet sein, wenn man sich an „Über Pop-Musik“ wagt. Kenntnisse oder zumindest Recherche, wer oder was Theodor W. Adorno oder Roland Barthes waren, sollte man vorab schon mal leisten. Dann aber kann es losgehen: DD präsentiert eine Theorie von Pop-Musik, die es in sich hat. Für ihn ist Pop nicht bloß Musik, sondern ein Mehr aus Kleidung, bewegten und statischen Bildern, Posen, Vorstellungen, Versprechen, Wünschen und Hoffnungen. Diederichsen bezieht seine Argumente aus Semiotik und Soziologie ebenso wie aus der Geschichte und Gegenwart der Pop-Kultur und aus den angrenzenden Gebieten Jazz, Kino, Oper. Das zu lesen, verlangt enorme Konzentration, doch alle 30 Seiten erbringt es einen erhellenden Aha-Effekt. „Über Pop-Musik“ ist Pflicht-Lektüre für jeden, der über den Tellerrand seiner eigenen Subkultur schauen will. Das große Ganze also, na dann mal los.

Kfis
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