"Normal gibt es bei uns nicht!"killingjoke

Kaum eine Band wird häufiger als bedeutender Einfluss und Inspiration von anderen MusikerInnen genannt als KILLING JOKE. Die bekennenden Fans lesen sich wie ein spannendes Greatest-Hits-Album, bestehend aus u.a. NIRVANA, METALLICA, FAITH NO MORE, SOUNDGARDEN, NINE INCH NAILS, PEARL JAM, KATE BUSH, THE CULT oder auch MINISTRY.

 

Seit 1979 hat die britische Post-Punk-Band 15 Studio-Alben herausgebracht, nach einigen Besetzungswechseln sind KILLING JOKE seit 2008 wieder im Line-up der Gründungsjahre unterwegs, und ein Ende ist noch lange nicht in Sicht. Während sich Bassist Martin „Youth“ Glover in den vergangenen Jahrzehnten als Produzent und Remixer (THE VERVE, MARILYN MANSON, TOM JONES, U2, PJ HARVEY, NICK CAVE, AXL ROSE) weltweit einen Namen gemacht hat, komponiert und kollaboriert Sänger Jaz Coleman in wohldosierten künstlerischen KILLING JOKE-Pausen immer wieder mit verschiedenen Symphonieorchestern rund um den Erdball. Kevin „Geordie“ Walkers Gitarrenstil ist bis heute für den speziellen Sound der Band verantwortlich, komplettiert wird die Besetzung durch Schlagzeuger Paul Ferguson, der nach dem zwischenzeitlichen Abschied 1987 und nach Gastspielen diverser Drummer (u.a. auch Dave Grohl) zur Reunion 2008 zurückkam. Zum Live-Outfit gehört seit 2005 schließlich noch Reza Udhin, Kopf der Band INERTIA, am Keyboard.

Die Konzerte von KILLING JOKE hat Jaz Coleman einmal als spirituelle Erlebnisse beschrieben. Einen Eindruck davon bekamen wir bei dem Interview mit dem äußerst charismatischen und sympathischen Frontmann, als wir in London ein langes, spontanes, offenes, wichtiges und auch sehr persönliches Gespräch mit ihm führten – neben Musik auch über zukunftsfähige Öko-Dörfer, Finanzarmut und den Mut zur Originalität.

WAHRSCHAUER: Welches Ziel streben KILLING JOKE musikalisch nach 35 Jahren und 15 Studio-Alben noch an?

Jaz: Wenn es um Musik geht, machen wir alles verkehrt herum, unsere besten Alben sind jene am Ende unserer Karriere. Mit der nächsten Platte will ich die zwei vorangegangenen noch übertreffen, sie sozusagen in den Boden stampfen. Ich strebe danach... (pausiert)

W: …es noch besser zu machen?

J: Ja, das stimmt. Wisst ihr, wir sind die besten Freunde in der Band. Wir werden uns alle nacheinander begraben. (Anm.: Zur Reunion kam es, nachdem sich die Gründungsmitglieder bei der Beerdigung des langjährigen Bassisten Paul Raven 2006 wiedergesehen hatten).

W: KILLING JOKE ist generationenübergreifend, mein Vater hat mich damals erstmalig auf diese Band aufmerksam gemacht.

J: Du hast einen coolen Vater. Ich bin so froh, dass ich Töchter bekommen habe, Jungs sagen ihren Vätern doch einfach, dass sie sich verpissen sollen – aber mit Töchtern hat man eine enge Beziehung. Meine Töchter sind alle in den 20ern und eine hat einen Rock-Club aufgemacht. Die stehen also auch drauf (lacht).

W: Was würdest du Musikinteressierten und gerade der jüngeren Generation raten, wenn es darum geht, neu in eure Musik einzusteigen? Welches Album sollte deiner Meinung nach zuerst gehört werden?

J: Ich würde sagen: Alle. „Outside The Gate“ ist kein KILLING JOKE-Album, aber jedes Album hat seinen Platz. „Democracy“ ist Dave Grohls Lieblingsplatte, was ich überhaupt nicht verstehen kann, denn sie ist keine meiner Favoriten. Auf diese Frage habe ich keine Antwort.

W: Wie war es denn, Dave Grohl in der Band zu haben?

J: Ich bin nicht so beeindruckt von dieser ganzen Promikultur, das sind einfach nur Menschen für mich.

W: Welchen Ratschlag würdest du Bands geben, die noch ganz am Anfang ihrer Karriere stehen?

J: Sich niemals trennen. Nie aufhören, Platten heraus zu bringen, egal wie schlecht oder schwer es auch erscheinen mag, einfach immer weitermachen und sich vor allem selbstkritisch betrachten. Und man darf musikalisch natürlich nicht wie alle anderen klingen. Dann werden sie dir eines Tages sagen, dass sie dich schon immer geliebt haben.

W: Viele Bands klingen heute aber doch ziemlich gleich?

J: Dann müssen Workshops ins Leben gerufen werden, um die eigene Originalität zu entdecken. Klingt es gut? Dann muss ausprobiert und experimentiert werden. Ich habe gelernt, mit sehr wenig Geld auszukommen, dann wird alles besser. In den letzten 10 Jahren habe ich dreimal gehungert, ich hatte wirklich nichts zu essen. Das Schöne an Orten wie z.B. Prag ist, dass man dort immer noch mit 100 Kronen pro Tag auskommen kann, wenn es denn sein muss. Ich habe 3000 Englische Pfund auf der Bank, wenn das irgendwie weiterhelfen sollte. (lacht)

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W: Welche Musikstile und Lieder hörst du momentan?

J: Nun, mein Kopf ist meistens regelrecht voll von Musik und Ideen. Es ist allgemein bekannt, dass ich nicht viel Musik höre, aber wenn ich es dann komischerweise doch tue, mag ich momentan die GOTAN PROJECTS. Kennt ihr die? Das sind Argentinier, die spielen eine verrückte Art von Tango. Es ist angenehm, sich dabei zu entspannen.

 

W: Arbeitest du momentan an neuer Orchestermusik?

J: Ja, zum feierlichen Anlass des 20-jährigen Todestages von Kurt Cobain. Dies wird mit dem Symphonieorchester geschehen, und dann habe ich etwas sehr Großes in Arbeit, bei dem es um das Ende der Zeit geht, komplett mit Chor und Orchester.

W: Euer Bassist Youth hat in Spanien ein Studio, werden dort normalerweise die KILLING-JOKE-Alben aufgenommen?

J: „Normal“ gibt es bei uns nicht. Das Studio ist fantastisch, nahe bei Granada. Wir haben es schon manchmal benutzt, aber Geordie gefällt es nicht. Deshalb erscheint er nämlich manchmal nicht (lacht). Für die nächste Platte begeben wir uns nach Buenos Aires.

W: Du hast in den 90er Jahren zwei Öko-Dörfer im Südpazifik und in Chile ins Leben gerufen. Was inspirierte dich dazu?

J: Es geht einfach darum, ein besseres Modell zum Leben zu finden. 1/300 der Erde wird für die gesamte Lebensmittelproduktion der Welt benutzt. Die Bioorganismen, von denen alles Leben kommt, werden immer mehr abgebaut, deshalb wollte ich mich darauf konzentrieren, eine Permakultur mit Öko-Dörfern und Bauernhöfen einzurichten, um die Lebensmittelversorgung in einem kleinen Rahmen zu steigern. Du (wendet sich an Bob vom WAHRSCHAUER) tust dasselbe, indem du mir diese Mandeln hier gibst (die auf dem Tisch stehen). Es ist dasselbe, nur in kleinerem Rahmen. Es war neulich in den Schlagzeilen, dass in zwei Jahren 50 % der Kinder in England unterhalb der Armutsgrenze leben werden. Und wenn du kein Geld für Lebensmittel hast, hungerst du. An diesem Punkt angekommen (Jaz seufzt), muss ich zugeben, dass ich ein Anhänger des Kollektivismus bin; das ist so wie ein Sozialist oder Kommunist zu sein, nur weiter links. Ich glaube nicht daran, irgendetwas zu besitzen, ich glaube daran, dass Nahrung und Wasser ein Menschenrecht sind, nicht aber ein Erzeugnis zum Verkaufen. Deshalb koordiniere ich zwischen diesen Orten und versuche, einen besseren Weg zu finden.

W: Du erwähntest in einem früheren Interview, dass in sieben Jahren nichts mehr übrig sein werde. Ist das der Grund, warum dir das Öko-Thema so wichtig ist?

J: Ja, wir sind dort bereits fast angekommen, absolut. Die Weltmeere sind leer gefischt, deshalb heben wir Teiche aus und züchten Fische. Und wir brauchen eine Polykultur, nicht nur eine Ernte. Dies ist ein reales Problem. Am Ende werden wir alle unsere Gärten und Parks benutzen, um die Lebensmittelversorgung zu steigern. Und wir müssen vor allem umdenken. Um die Welt zur Veränderung zu bewegen, müssen wir uns selbst ändern.

Tara, Bob und Svenja / Foto: Svenja

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