Die Braut aus dem Weg kicken!morrissey-world-peace

Neues von Chef-Grantler MORRISSEY, der ja bekanntermaßen gerne aneckt, provoziert und Mitgefühl am liebsten für sich selbst hat. Einem bedeutenden Musiker und Künstler wie ihm, der als Hardcore-Vegetarier auch schon mal die industrielle Tötung von Tieren mit dem Genozid an Menschen vergleicht, verzeiht man aber auch kräftige verbale Entgleisungen. Schließlich hat der Mann mit THE SMITHS den Britpop begründet und den Indierock maßgeblich beeinflusst. Zudem sind seine Texte nicht nur schön bissig, sondern dabei auch meist intelligent, voller Wortwitz, skurril und unterhaltsam. Es gibt ja schließlich schon genug mittelprächtige, aber politisch korrekte Musiker, die zu Tode langweilen.

Nun also das zehnte Solowerk des Meisters, der nach einer leichten Flaute in den 1990er Jahren, als er etwas in der Versenkung verschwand drei gute bis sehr gute Alben produziert hat. Da war zunächst sein großes Comeback „You Are The Quarry“ von 2004, das zwar auch den ein oder anderen schwachen Song beinhaltete, aber eben auch großartige Sachen wie „The First Of The Gang To Die“ und vor allem den Über-Song „Irish Blood, English Heart“. Es folgte 2006 das geschmackvoll-elegante, von Tony Visconti produzierte „Ringleader Of The Tormentors“ und das rockige „Years Of Refusal“ von 2009. Auf dem aktuellen Album „World Peace Is None Of Your Business“ sind die „Rockismen“ der letzten Scheibe etwas zurückgeschraubt und geben anderen Instrumenten, vor allem Flamenco-Gitarrensounds (!) Raum. Im Opener und Titelsong „World Peace…“, in dem er bitterböse den kleinen, hart arbeitenden Mann verspottet, der brav die Steuern zahlt, sich ansonsten nicht um den Zustand der Welt kümmert und ungerechte Politik hinnimmt, die Reiche reicher und Arme ärmer macht verspottet, gibt es am Ende noch knarzige E-Gitarrensounds. Und das darauffolgende „Neal Cassidy Drops Dead“ hat neben einem Drummaschinnenbeat auch noch ‘ne Starkstromgitarre, die den Rhythmus angibt. Dann gibt es mit „I’m Not A Man“ einen Break, denn der fast achtminütige Track beginnt mit eineinhalbminütiger (fast völliger) Stille, die nur von sphärig-düsteren Hintergrundgeräuschen gestört wird, etwas merkwürdig wirkt und den Albumzusammenhang etwas stört. Der Meister macht es einem nicht leicht, trotzdem entwickelt sich das Stück zu einem tollen dramatischen Song, in dem MORRISSEY auf seine unnachahmliche Art kundtut, dass er kein richtiger Mann sei, sondern etwas viel größeres, da er die typischen Dinge, die ein Mann tut nie tat, nie tötete, nie Tiere aß oder nie dem Planeten schaden würde. Es folgt „Istanbul“, mit orientalischem Einschlag, inklusive morgenländischem Saiteninstrumenteneinsatz, dann „Earth Is The Lonliest Planet“. MORRISSEY weint sich darüber aus, dass diese Welt so ein einsamer Ort ist, weil die Menschen schlecht sind. Die todtraurige Gesangsmelodie des Songs wird durch südländische Rhythmen konterkariert, was einen wirklich besonderen Reiz ausmacht und wie das wirklich nur MORRISSEY derart gelungen hinbekommt. „Staircase At The University“ besticht ebenfalls mit so einer bittersüßen Gesangsmelodie und Bläsern. Auf „The Bullfighter Dies“ wirft er mit Schüttelreimen um sich („Mad in Madrid, ill in Seville…“) und trällert fröhlich „The Bullfighter Dies and nobody cries, because we all want the Bull to survive“. Dann schmettert er wie im Liebesrausch „Kiss me a lot“, im gleichnamigen Song. Und so geht das schön fett, unverschämt, anmaßend, ironisch, sarkastisch, skurril, charmant, rotzig und musikalisch auf hohem Niveau weiter. “World Peace Is None Of Your Business” ist sicher als Album nicht so “rund” wie seine beiden Vorgänger “Years Of Refusal” oder “Ringleader Of The Tormentors”, aber auch die SMITHS schätzte ja keiner für pure Eingängigkeit, sondern die Mischung aus Wohlklang und musikalische und textliche Haken und Ösen. Und genau das zelebriert MORRISSEY hier. Das Album steckt voller großartiger musikalischer Ideen und Wendungen und vor allem ist der mittlerweile 55jährige Meister MORRISSEY in seinen Texten genauso bissig, wie mit Mitte zwanzig.

Am besten gefällt mir das textlich aberwitzige “Kick The Bride Down The Aisle”, eine Rockhymne, die zum Mitsingen geradezu verführt, textlich aber so schön bösartig ist, dass dem politisch-gender korrekten Menschen der Mitsingimpuls im Halse stecken bleibt. Denn im Songtext fordert MORRISSEY den Bräutigam dazu auf, die Braut aus dem Weg zu kicken und nicht den Fehler zu machen sie zu heiraten. Da er genau weiß, dass diese nur einen Sklaven will, dem sie das Rückgrat brechen kann, mit dem Ziel bis ans Ende ihrer Tage faulenzen und absahnen zu können... Dieser Effekt ist natürlich pure Absicht. Wann war der gute Mann zuletzt so schön hinterfotzig, provozierend und (kalkuliert) bösartig?! Ein Ausnahmekünstler, bei dem man nicht weiß, ob man ihn wirklich persönlich kennen lernen mag, der aber so mit Talent gesegnet ist, wie nur ganz Wenige und der mehr Anarchie im kleinen Finger hat als jeder Hardcore-Punk.

(Harvest Records/Universal - VÖ: 11.07.2014)

Jo Neujahr

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