muehsamErinnerungen an Mühsam

Schon als Sechzehnjähriger wehrte sich Erich Mühsam gegen die stupide Atmosphäre in seinem Lübecker Gymnasium. Mit viel Witz und Sarkasmus ging er gegen die Lehrerschaft und gegen das Elternhaus vor, bis man ihn von der Schule feuerte wegen „sozialistischer Umtriebe“. Vorher hatte er noch die turnusmäßige Rede seines Rektors in einer Zeitung glossiert.

So war es mit der Schule vorbei und Erich Mühsam musste den Beruf eines Hilfsapothekers erlernen. Nach sehr kurzer Zeit ging er dann den dornenvollen Weg eines Schriftstellers. Zwar schrieb er für viele Zeitungen witzige Texte, verfasste Gedichte und gründete zusammen mit Paul Scheerbart, einem ähnlich „gestrickten“ Menschen, die Zeitung „Das Vaterland“, in denen sie mit Absicht nur Lügen verbreiten wollten. Mal sollten es politische, gesellschaftliche und künstlerische, dann wieder persönliche Angelegenheiten sein, aber immer mit „einem Hintergrund“. Leider erschien diese Zeitschrift nie, da die beiden Haudegen noch in gleicher Nacht das Anfangskapital von 30 Mark verzechten.

Weiter ging es bei Mühsam mit einem Gemeinschaftsversuch in der Frei-Sinn-, Frei-Körper- und Frei-von Fleisch-Kolonie und einer Tätigkeit beim Züricher „Weckruf“. Mit spitzer Feder schrieb Mühsam dann regelmäßig für die „Jugend“, den legendären „Simplicissimus“ und den noch legendäreren „Wahren Jacob“. Dann packte ihn die Reiselust und er verschwand nach Paris, wo er die Bekanntschaft mit Welt, Kunst und Picasso machte. Zurück in München, wo er seit 1909 lebte, lernte er den jungen Ringelnatz kennen und verkehrte außerdem mit seinem großen Vorbild Franz Wedekind. Dieser meinte zu Mühsams politischen Ambitionen: 'Sie reiten stehend auf zwei Gäulen, die nach verschiedenen Richtungen streben; sie werden ihnen die Beine auseinanderreißen!' Darauf antwortete der jüngere Freund: 'Wenn ich einen laufen lasse, verliere ich die Balance und breche mir das Genick'.

In dieser kreativen Zeit erschienen jede Menge Wortspiele, Schüttelreime und das immer noch gültige Gedicht „Der Revoluzzer“. Die aufwieglerischen und die Wahrheit hervorbringenden Reime enden so: 'Dann ist er zu Haus geblieben / und hat dort ein Buch geschrieben; / nämlich, wie man revoluzzt / und dabei doch Lampen putzt'. In dem gerade erschienen Sammelband „Das seid ihr Hunde wert!“ kann man es in seiner ganzen Schönheit auf Seite 35 nachlesen. Man entdeckt aber auch Texte, die Erich Mühsam für seine Einmannzeitschrift „Kain“, die „für Menschlichkeit“ eintrat, schrieb. Er war immer gegen Nationalismus, Militarismus und Krieg und versuchte mit Worten und Taten andere Menschen von der Richtigkeit seines Tuns zu überzeugen. Das über 344 Seiten dicke Buch erinnert mit aller Macht an den am 6. April 1878 in Berlin geborenen Dichter, Anarchist und politischen Publizist, der am 10. Juli 1934 im KZ Oranienburg ermordet wurde.

Markus Liske und Manja Präkels, die sich seit Langem sehr intensiv mit dem Leben und dem Werk Erich Mühsams beschäftigen, nahmen auch mit ihrer Band „Der singende Tresen“ ein Album mit Texten des Dichters auf, das den Titel „Mühsam Blues“ trägt. Bevor Mühsam-Interessierte aber die Musik genießen, sollten sie unbedingt zu diesem dicken Druckerzeugnis greifen und sich mit traurigen, lustigen und aufrührerischen Texten an Erich Mühsam erinnern. Es lohnt sich.

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