Al-BakrPolice Academy in Sachsen?

In Sachsen scheint alles möglich. Die Frage ist aber, ob im al-Bakr-Fall wirklich ein neuer Teil von Police Academy gedreht wurde, oder ob der Fall eher wie beim NSU-Wahnsinn aus dem Innern des Staates zum Himmel stinkt. Auffällig ist jedenfalls, dass der merkwürdige „Vorfall“ al-Bakr so gut wie komplett und umgehend aus den Medien verschwunden ist.

Die Story, so weiß es der „Spiegel“, begann mit einer Information eines US-Geheimdienstes an deutsche Sicherheitsbehörden. Das Nachrichtenmagazin kennt erstaunlicherweise die belauschten Worte: "Zwei Kilo sind fertig." Und: "Großer Berliner Flughafen" sei "besser als Züge". Alles klar. Beim deutschen Verfassungsschutz hingegen hat es etwas länger gedauert, bis es Klick gemacht hat: „Wir haben (...) bis Donnerstag letzter Woche gebraucht, um herauszufinden: Wer ist dafür in Deutschland verantwortlich?“, so Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen. Dann folgte das volle Überwachungsprogramm: „Wir haben sofort die Observation durchgeführt“, prahlte Maaßen: „Eine 24/7-Observation.“ Also Rund-um-die-Uhr, aber leider nicht ganz unauffällig der focus zu berichten weiß: Das Bundesamt für Verfassungsschutz übernahm schließlich die Observierung des 22-Jährigen. Anwohner berichteten der 'Bild', sie hätten Polizisten bemerkt, die die Wohnung des Mannes in einem Chemnitzer Plattenbau beobachteten. Andere Anwohner wollen Männer gesehen haben, die Fotos schossen.“

Immerhin zeitigte die Beobachtung laut Verfassungsschutz-Chef Maaßen bald eine wichtige Erkenntnis: „Wir haben (...) festgestellt, dass er am folgenden Tag in einem Ein-Euro-Shop dann Heißkleber kaufte." Und in der Augsburger Allgemeinen Maaßen weiter: "Im Grunde genommen die letzte Chemikalie (…), die für ihn notwendig war, um eine Bombe herzustellen." Aber hey, don’t mess with the german security authority. Freitag meldet sich der Verfassungsschutz bei der Polizei. Wir haben ein Problem und brauchen Polizei. Oder - wie es die Südwest Presse formuliert: „Weil es die Erkenntnisse über die Fertigstellung des Sprengstoffgürtels gab, gingen die Ermittler ab Freitag in die Offensive.“ Hey, ho, let’s go!

 

Bahm: Zugriff in Chemnitz!

700 Polizisten plus SEK marschierten am Samstag im Plattenbau in Chemnitz auf. Ute Ahnert (51) aus dem Wohnblock nebenan: „Ich habe ein Auto auf dem Rasen gesehen, das kam mir komisch vor. Da waren Polizisten drin. Ich stand auf dem Balkon, da hat ein SEK-Beamter gerufen, dass ich reingehen soll. Er sagte, es würde eine Explosion geben. Dann habe ich die Polizisten auf den Balkonen rund rum und auf dem Dach gesehen“, erklärt die Altenpflegerin. Nicht ausgeschlossen, dass auch ein auf Polizei sensibilisierter mutmaßlicher Terrorist mitbekam, was den Anwohnern auffiel. Und tatsächlich verließ al-Bakr auch noch um 7 Uhr morgens einfach die Wohnung, noch bevor das SEK fertig zum Einsatz war - ein mieser Spielverderber. Da hat doch selbst die Polizei kein Bock. Eine Verfolgung misslingt laut LKA-Chef Michaelis, weil die Einsatzkräfte „immer noch ihre schwere Schutzausrüstung mit einem Gewicht von 30 Kilogramm“ tragen. Wie fies. Bis auf die Tatsache, dass Schüsse in die Luft abgegeben wurden und die Aufforderung, stehen zu bleiben ist nicht überliefert, was die anderen 700 Polizisten machten. Al-Bakr erwiderte „No, no, no“ und läuft einfach davon. Der mutmaßliche Terrorist hätte kein aggressives Verhalten gehabt, kein Andeuten einer Sprengweste. Deshalb sei nicht mehr drin gewesen. Ach so. Alles klar. Man sieht förmlich ein Hippie-SEK mit Gänseblümchen in den Maschinenpistolenläufen vor sich…

Wie die Füße al-Bakres ihn aus Chemnitz hinaus trugen weiß man nicht. Oliver Malchow von der GdP: „Zeit ist in solchen Fällen ein wichtiger Faktor. Man kann nicht sofort überall sein.“

 

Polizei hat Telefon

Fluchtroute-durch-Sachsen largeNatürlich kann die Polizei nicht überall sein. Zum Beispiel nicht in der Bergstraße in Eilenburg, ungefähr rund 100 Kilometer von Chemnitz entfernt. Dort hatte al-Bakr als anerkannter Flüchtling gewohnt. Und genau dort kreuzte er gegen 22.20 Uhr auf. Immerhin rief die Polizei vorher dort an: „Kurz zuvor hatten sich am Samstag Polizisten per Telefon bei einem der Hausbewohner gemeldet und empfohlen, nicht aufzumachen, wenn es klingelt. Überwacht wird das Haus aber offensichtlich nicht. Al-Bakr klingelt bei einer der Mieterinnen, die redet mit ihm nur über die Gegensprechanlage, macht die Tür aber nicht auf. ‚Sie müssen‘, so erinnert sie sich, ‚mindestens zu zweit gewesen sein, denn wir haben es wispern gehört.‘“ Das Ganze ist so dumm, dass man sich nicht vorstellen kann, dass jemand so dumm ist – insbesondere in Serie.

Inzwischen fand die Polizei in der Wohnung in Chemnitz, in der sich al-Bakr vor der missglückten Festnahme aufhielt, 1,5 Kilogramm Sprengstoff. Angeblich TATP. Die Bundesanwaltschaft übernimmt die Übermittlungen. Vielleicht etwas spät, aber immerhin formal normal.

 

Syrische Flüchtlinge erledigen die Arbeit der Polizei

Al-Bakr fährt mit dem Zug weiter nach Leipzig. Dort kommt der 22jährige in der Nacht zum Sonntag an. Über ein Online-Netzwerk für syrische Flüchtlinge organisiert er sich einen Schlafplatz. Die Polizei brauchte 36 Stunden, um den Fahndungsaufruf ins Arabische zu übersetzen. Nachdem dieser Aufruf dann von der syrischen Community selbst in ihren Netzwerken online gestellt wurde, merkten die Landsleute von al-Bakr gegen 21 Uhr am Sonntag, wen sie in ihrer Leipziger Wohnung beherbergten. Sie überwältigten und fesselten al-Bakr. „Kurz vor Mitternacht kommt ein Syrer in das Polizeirevier Südwest am anderen Ende der Stadt. Er zeigt ein Handyfoto von einem Mann in seiner Wohnung, den er und ein Freund für den gesuchten Dschaber al-Bakr halten.“ Mit dieser Hilfe gelang es einem Großaufgebot der Polizei tatsächlich, den wehrlos und abholbereit in der Wohnung in Paunsdorf/Leipzig liegenden al-Bakr festzunehmen.

Die Leipziger Volkszeitung schrieb am Montagmorgen in ihrer Online-Ausgabe: „Al-Bakr soll nun nach Karlsruhe überstellt werden. Am Sonntag hatte die Bundesanwaltschaft die Ermittlungen in dem Fall übernommen.“ Das wäre normal. In Karlsruhe bei der Bundesanwaltschaft wird er aber nie ankommen. Denn in diesem Fall ist nichts normal. Der NSU lässt grüßen.

Es folgt „Der abstruse Fall al-Bakr – Teil 2“: Die sächsischen Justizvollzugsbeamten werden davon angeblich überrascht, dass der mutmaßliche Selbstmordattentäter in der Zelle Selbstmord begeht.

 

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