jaka1Ein Buntes Bouquet aus Brutalität

Dresden, 25.03.2017. Beim „Metal Gegen Warzen“ in der Chemiefabrik versammelten sich an diesem Abend vier Kapellen zum gemeinsamen Schreddern. Genau genommen waren es nur drei, denn STAHLCHØR aus Thüringen fielen krankheitsbedingt aus. Also war etwas mehr Zeit, um bei ein paar Bierchen die unzähligen Sticker und Graffiti an den schwarzen Wänden dieses untergrundigen, kernigen und gemütlichen Clubs zu studieren. Die Chemiefabrik hatte seit der Gründung 2001 schon eine Menge geiler Bands zu Gast und zeichnete sich auch dieses Mal als Garant für erlesenste Subkultur aus.

So Pi mal Daumen irgendwann ging es dann mit AL GORE los, einer ortsansässigen Truppe, die keiner ernst nimmt – aber das tut die Band zum Glück auch selbst nicht, denn sie machen Death Metal mit einer Prise Fun, allerdings war der Deckel vom Fun-Streuer wohl locker. Wie sonst käme man darauf, Lyrics über die Landesgartenschau in Oschatz zu verfassen und in billigen Mittelalter-Kostümen nebst einer noch billigeren Gummipuppe aufzutreten? Das musikalische Bett für diese Texte kam live wirklich heavy, auch wenn die Songs an sich wenig Überraschungen boten. Schade war, dass die Drums nur aus der Dose kamen. Auf Platte ist das gängig, aber live hat es einen faden Beigeschmack. Ob man Fun-Bands nun mag oder nicht: Beim Publikum kamen die Lokalhelden von AL GORE gut an, da sie Stimmung und Stimmbänder lockerten und richtig Spielspaß auf der Bühne hatten.

extinctionistEXTINCTIONIST, deren Mitglieder aus Dresden und Chemnitz stammen, spielten eine Liga höher und schneller. Irgendwo zwischen technischem Death und Grind knüppelte das Quartett sich durch seine zwei Studioalben. Die meisten der 15 gespielten Songs waren eher kurz und endeten so abrupt wie sie anfingen, sodass das Publikum meist mit einiger Verzögerung zu klatschen begann, wie Vocalist Chris treffend anmerkte. Stilistisch erinnerte das Set stark an die frühen DYING FETUS oder auch OBSCURA, doch EXTINCTIONIST blieben stets eigenständig und spannend. Die Pigsqueals und Grunzer waren absolut saftig. Überhaupt hatte dieser Schreihals Humor und konnte gut mit dem Publikum. Auch die Instrumentalisten verdienen jedes Lob für die Verrenkungen auf dem Griffbrett und die furiosen Blastbeat-Salven. Eine so professionelle und zugleich nahbare Lokalband bekommt man selten auf die Ohren.

Kurz nach halb eins waren dann JAPANISCHE KAMPFHÖRSPIELE am Zug und endlich kamen die faulen Headbanger, die sonst nur am Fleck stehend mit dem Teppich wedeln, auch mal in Bewegung. Wer kann schon still stehen bei Klassikern wie „Zieh die Jacke falschrum an“, „Abflussbestattung“ und „Es lernt sich von selbst“ oder neuen Smash-Hits wie „Der neue Hitler“ und „Weiss“? Ohne langes Geschwofe zwischen den Songs schleuderte das Quintett seine Japan-Böller durch die Anlage, mit dabei etwa „Grillanzünder“, „Die Schlachtung“, „Verpackt in Plastik“ oder „Chef de Cuisine“. Viel Neues, viel mehr Altes: Ein buntes Bouquet aus Brutalität.

jaka2Seit einiger Zeit sind JAKA mit dem neuen Frontschwein Christian unterwegs, der Martin ersetzt, der Bony ersetzt. Christian ist ein urster Sympath und hammermäßiger Vocalist, der den textsicheren Fans gern das Mikro ins Gesicht drückte. Schlagzeuger Christof saß nur in Boxershorts und T-Shirt auf seinem Hocker – keine Überraschung, denn im Interview verriet er uns vor einiger Zeit, das Trommeln sei für ihn „eine sportliche Betätigung“. Und genau wie beim Training triefte er hinter den Kesseln auch schon nach drei Songs. Ebenfalls keine Überraschung, schließlich prügelte er mit äußerstem Einsatz auf diese ein. Bis an seine Grenzen ging auch Martin, der sich in längeren Pausen (verdient) auf dem Podest des Schlagzeugs ausruhte.

Nach etwas mehr als einer Stunde war das straffe JAKA-Programm mit der langsam ausklingenden Zugabe „Tag 1 nach den Menschen“ leider schon vorbei. Als aktiver Mosher ist man danach mindestens so fertig wie die Musiker auf der Bühne, das Fanherz wünscht sich allerdings mehr, mehr, mehr aus den über 200 Tracks, die JAKA bereits für die später nuklearverseuchte Nachwelt aufgezeichnet haben. Auch Christian sagte auf der Bühne, man könne bei der Masse an Songs die Leute live leider immer nur anfüttern. Richtig. Allein die aktuelle Platte „The Golden Anthropocene“ enthielte genug Perlen für eine deftige Show. Darum reicht es wohl leider nicht, JAKA nur ein einziges Mal zu sehen. Auf ein Neues!

STATS

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