Dich brauchen wirRette den WAHRSCHAUER und beschenk Dich selbst!

Wie Ihr mitbekommen habt, war die WAHRSCHAUER-Website lange Zeit durch einen Hackerangriff offline. Leider sind uns so lange auch die Einnahmen aus Abos und Nachbestellungen flöten gegangen. Und das heißt: Wir haben ein paar offene Rechnungen zu begleichen! Aber die WAHRSCHAUER-Welt ist so geil, dass Du

Weiterlesen: Soli-Abo-Aktion:

Waechter war mal im Lampenladen

 

Danke sagen muss ich unbedingt meinem Cousin, der mich DDR-Bürger nicht mit Kaffee der Firma „Ja“ abspeiste, billige Seife ignorierte und auch keine vom Zoll zerknitterte Schokolade aus dem Koffer packte. Er hatte immer irgendwelche Kassetten dabei, mit denen ich erst nichts anfangen konnte und dann lieben lernte. Toll war, wenn er nach dem ersten Freudentanz sogar die Satirezeitung „Titanic“ auspackte, obwohl die Grenzpolizei ihn nach Strich und Faden gefilzt hatte. Nur so viel: Damit die Einlassposten etwas greifen konnten, ließ H. immer einige „Spiegel“ und „Quick“ offen liegen, die er zuvor auf dem letzten Parkplatz vor der Grenze auch immer fand. Tja, und durch die „Titanic“ stieß ich auf den Zeichner F.K. Waechter. 


Und dieser sollte nun 1989 in Honeckers Lampenladen eine große Ausstellung bekommen. Er war nach Loriot erst der zweite Humorist und Zeichner der BRD, der so geehrt wurde. Die Bilder hingen im „Palast der Republik“ in den großen Fluren über komischen Teppichen, die durch ihre Hässlichkeit von den herrlichen Bildern ablenken sollten. Da musste ich hin, das wollte ich sehen. Vielleicht kam der Künstler persönlich und ich konnte mir sogar heimlich auf den zerlesenen Zeitschriften ein Autogramm geben lassen. Dann kam alles ganz anders und die dämliche Wende dazwischen. Kein Schwein guckte mehr eine Ausstellung mit mir an, wenn nur einige S-Bahnstationen weiter die Grenze immer löchriger wurde und man endlich den „Ja“ Kaffee und die billige Schokolade selbst kaufen konnte. Ich stand trotzdem vor den Kunstwerken, amüsierte mich gar köstlich und sah den Waechter dann leider nicht, weil er wohl nur zur Eröffnung in der DDR-Hauptstadt weilte.

 

Nun begeht man am 3.11. den 75. Geburtstag von F.K. Waechter und sein Leib und Magen Verlag bringt unter anderem das erste große Buch „Wahrscheinlich guckt wieder kein Schwein“ als Original heraus, ganz ohne Bonus und Remixe. Und trotzdem hätte man sich einen kleinen Nachsatz gewünscht, denn die Jugend, denen man dieses Buch unbedingt schenken sollte, will ja wissen, wer solch tolles Zeug gezeichnet hat und was mit ihm ist oder war.

 

Da tauchen zärtlich gestaltete Bilder wieder auf, die seit langem im Gedächtnis hausen, man sie aber nicht mehr zuordnen konnte. Ach, wie lacht der Mensch, wenn er die verschmitzt schauende nackte Frau auf der Liege sitzen sieht, die sich nach dem Akt über den Partner amüsiert, dessen Brustbehaarung Afrika ähnelt. Oder gar Huhn und Hahn, die den Zungenkuss ausprobieren und sich fragen, ob sie es toll finden. Schließlich noch die Eule, die mit ihrem geschenkten Norweger Pullover der schickste Vogel im Wald ist.

Immer wieder lacht der Betrachter über Gott, der den Laden im Griff hat, aber trotzdem schnell in Flammen stehen kann. Zu sehen und zu bewundern sind weiterhin die verdammt lustigen Bildgeschichten, die Waechter im Laufe der Zeit noch verfeinerte und in den besten Magazinen zur Schau stellen konnte. Und nur von ihm lernte ich die „11 bekanntesten Stellungen bei der Selbstbefriedigung des Mannes“, kann aber nur fünf anwenden, ich Flasche.

 

Alles begann 1937 in Danzig, als Friedrich Karl zur Welt kam. Viel Freude hatte er nicht in seinen ersten Jahren, denn es war Krieg, sein Vater fiel bereits 1941 und seine Mutter musste mit den Kindern 1945 übers Meer fliehen. Danach wurde das Leben auch nicht besser, denn es kamen die Jahre (1945 bis 1957) in der Lauenburgischen Gelehrtenschule in Ratzeburg. Hier teilten alte Nazilehrer Schläge aus und ließen keine Freiheiten zu. Trotzdem konnte der halbwüchsige Friedrich erste Zeichen setzen, da er die Schülerschaft mit lustigen Zeichnungen erfreute und gar den ersten Zeichenauftrag, ein Schulkamerad wollte eine nackte Frau gezeichnet haben, zur Zufriedenheit aller erfüllen. Danach steigt er bei einer Werbefirma ein und entwirft Etiketten für Friseurartikel und Aufsteller für Sonderangebote. Erste Bilder erscheinen in der Zeitung „Twen“.

Die anschließende Übersiedlung nach Frankfurt am Main ist für die Menschheit ein Segen, denn er arbeitet fleißig bei „Pardon“ mit und entwickelt gar mit Robert Gernhardt und F.W. Bernstein für eben dieses Blatt die geniale Blödsinnseite „Welt im Spiegel“. Da aber der immer eigenartiger werdende „Pardon“-Chef Nikel die schönsten Bilder ablehnt, wendet sich Waechter dem Kinderbuch zu und erweckt den Anti-Struwwelpeter zum Leben. Der Film „Hier ist ein Mensch“, ein Clownsstück für die städtische Bühnen Frankfurt folgen und 1978 der erste größere Cartoonband „Wahrscheinlich guckt wieder kein Schwein“. Nur ein Jahr später gründet Waechter mit einigen anderen Künstlern, die zur Frankfurter Schule gehören, die verehrte Humorzeitung „Titanic“. In dieser Zeit meint er zu seiner Arbeit: ‚Vor allem berauscht mich, dass ich Geld, Liebe und Anerkennung nun für das bekomme, wofür ich auf der Lauenburgischen Gelehrtenschule Prügel und wütendes Gebrüll erntete: nämlich für Frechheiten, Bosheiten und Geschmacklosigkeiten.‘

Doch mit Zeichnen ist es nicht getan, vielmehr gestaltet der Künstler eigene Ausstellungen, produziert Filme, entwickelt Theaterstücke und nimmt Lehraufträge in Salzburg und Hamburg an. Mitte der 1990er Jahre inszeniert er die „Eisprinzessin“ am Staatstheater Hannover und geht einige Jahre später mit dem Objekttheater „Singende Knochen“ auf Lese-Tournee, wo Zeichnungen mit Theater kombiniert werden.

Da F.K.Waechter das Wörtchen „Ruhe“ nicht kennt, malt er außerdem Zeichnungen neu, die ihm von der Idee gefallen, von der Ausführung her jedoch nicht mehr genügen.

Am 16.09.2005 stirbt F.K. Waechter in Frankfurt am Main, viel zu früh.

 

 

ab 9.9.2012 in der Stadtbibliothek Reutlingen

2.11. – 31.12.2012 „Aus dem literarischen Nachlass“, Haus des Börsenvereins des deutschen Buchhandels Frankfurt /Main